26.06.2010

Zweifel, Zwist und Zwietracht: Lautliche Ambivalenzen?

Zwingburg Ronneburg

Zwingburg Ronneburg

Foto: Rolf Krekeler
© Krekeler / PIXELIO

Im Deutschen fällt eine Wortgruppe auf, die mit der ungewöhnlichen Buchstabenkombination zw beginnt. Sie scheint zunächst auf zwei und die Vielzahl ihrer Abkömmlinge zwo, zwie, zween, zwier, zwi- hinzudeuten. Einige jedoch haben eine dunkle Herkunft, wo sich Dichtung und Wahrheit vermengen.

Wörter, die mit zw- beginnen deutet man spontan in Richtung einer Zweiteilung, die schließlich einen Ausdruck von Aufspaltung oder Fehlhaltung annehmen. Einigen Wörter wohnt diese Bedeutung geradezu greifbar inne: entzwei, zwischen, Zwilling (aus althochdeutsch zwinmal, doppelt), Zwirn (aus zwei Fäden gedreht), Zwillich (zweifädig), Zweig, Zweifel, Zwiesel (gegabelterer Baumstamm), Zwille (Steinschleuder aus einem gegabelten Zweig), Zwist, Zwitter.

Zwiespalt, Zwietracht, Zwielicht und Zwiesprache sind zwar noch geläufig, sie haben genau besehen ein vielfältiges Wurzelgeflecht: Zwiespalt erscheint in gewisser Hinsicht widersinnig, da es nicht eine doppelte Spaltung ausdrückt sondern eine Aufspaltung in zwei Teile. Es ist eine Rückbildung zu zwiespältig, althochdeutsch zwispaltig, das in zwei Teile gespalten bedeutet. Zwietracht, das Gegenwort zu Eintracht, lässt vom gemeinsamen Tragen rückschließen auf das mittelhochdeutsche entzwei tragen, das neben trachten, streben, steht. Zwiesprache halten bezeichnet ein Gesprach unter vier Augen, also eine Aussprache zweier Personen. Beten wird als Zwiesprache mit Gott empfunden. Dagegen drückt Zwiesprache mit sich halten ein In-sich-Gehen aus. Dabei liegt die Vorstellung zugrunde, der äußere Mensch setze sich mit seinem Inneren auseinander.


Vorsilben lassen die Übereinstimmung der Bedeutung ahnen

Im Englischen entspricht der Laut [tw] – two, twelve, twenty – dem deutschen [zw] – zwei, zwölf, zwanzig. Blickt man noch weiter zurück, so lässt sich zwischen zwi- und twi- und den griechisch-lateinischen Präfixen di-/dy-/dis-/dys - dichotom (gegabelt), Dyade (Zweiheit), Dissens (Meinungsverschiedenheit), Dysfunktion (Fehlfunktion) - die gleiche Übereinstimmung feststellen. All diese Laute haben nämlich eine gemeinsame indogermanische Wurzel. Sie ist die Grundlage für duo, dyo, deux, two und zwie, zwo oder zwei.

Ähnlich dem griechisch-lateinischen Präfix, das sich in einer Vielzahl von Fremdwörtern in unserer Sprache zeigt, hat auch die deutsche Vorsilbe zer- die offenkundige Bedeutung von Zerteilung, gar Zerwürfnis und Zerstörung.

Die Zwecke erfüllt ihren Zweck – die Zwinge ist das Abbild des Zwangs

Dagegen geben sich andere Wörter zunächst nicht so unmittelbar zu erkennen:

Zwecke, mittelhochdeutsch zwec, ist ein Nagel, ursprünglich wohl ein solcher, der aus einem gegabelten Zweig gefertigt, als Haken zum Aufhängen einer Zielscheibe diente. Hier hat der Zweck seinen Ursprung. Daraus lässt sich zwicken ableiten, zwischen zwei Nägeln oder Fingern zusammenhalten, schließlich anzwecken, annageln; zwirbeln, zwischen zwei Fingern drehen. Hier spielt das Drechseln mit hinein, das auch das Drehen und Wenden zum Inhalt hat. Alle diese Verben haben auch einen lautmalenden Anteil. So versteht man unmittelbar zwicken und zwacken als kneifen, ebenso abzwacken, in der Bedeutung von unter der Hand etwas abzweigen – dies ist der Hintergrund der Bezeichnung des Kulmbacher Zwickelbiers, das, noch nicht abgefüllt, »abgezweigt« und dem Käufer frisch ins mitgebrachte Gefäß gefüllt wird. Die Zwickmühle, die ja eher einen Vorteil für ihren Besitzer hat, bezieht sich auf das zweifache Öffnen der Mühle. Allerdings vermag sie den Gegner unter Druck zu setzen, zu zwicken. Daraus erschließt sich auch ihre übertragene Bedeutung in der Redewendung »in der Zwickmühle sein«.

Auch Zwang, mittelhochdeutsch zwanc, twanc – mitsamt den abgeleiteten Verben zwängen, zwingen und bezwingen – lässt sich so einordnen. Das Wort bezeichnet den unter einem Zwang erlebten Druck, gleichsam das Gepresstsein zwischen fremden Mächten. An den Begriffen Schraubzwinge, Werkzeug, Zwinger, Käfig mit Auslauf für Tiere, und Zwingburg, einer Art herrschaftlichen Gefängnisses, dessen Lage ein Entkommen vereitelte, wird dies unmittelbar deutlich.

Zweifelsfälle oder Irrlichter?

Das Zwerchfell scheint zunächst nicht recht in das Schema zu passen. Dennoch ist das alte Adjektiv zwerch, mittelhochdeutsch twerch, noch erhalten in überzwerch, überkreuz, ein Zeugnis für die Bedeutung verdreht, quer. Eine Verbindung zu zornig und barsch lässt sich darin sehen, erkennbar auch in dem umgangsprachlichen Wort überquer, zerstritten. Denn das Zwerchfell liegt – ganz ungewöhnlich gegenüber anderen Organen und Körperstrukturen – quer, indem es den Bauchraum vom Brustraum abtrennt.

Die Zwiebel ist ein Beispiel für ein etymologisches Elternpaar. Sie zeigt eine Verwandtschaft zu ihrem lateinisch-italienischen Pendant cepula, cipola sowie eine volksetymologische als zwie-bolle, zweifache Knolle. Das übertragen verwendete Verb zwiebeln bezieht sich auf das Häuten der Zwiebel und drückt schinden, schlecht behandeln aus.

Das Adverb zwar, mit der Bedeutung allerdings, hat einen ganz anderen Ursprung. Es leitet sich ab aus dem mittelhochdeutschen z[e]wäre, fürwahr, das seinerseits aus zwo wär zusammengerückt ist.

Einige Wörter scheinen eher lautmalenden oder -nachahmenden Ursprungs. Dazu zählen zwitschern, entstanden aus zwitzern, einen feinen Laut von sich geben, englisch to twitter und zwinkern, blinzeln, englisch to twinkle. Dennoch drücken sie, wenn man die Lippen- oder Augenbewegung als Stütze nimmt, etwas »Zwischentönendes« aus.

Unsicher ist schließlich die Zuordnung von Zwerg, mittelhochdeutsch twerc, englisch dwarf. Zwar ist er ein Zwischenwesen, eine Fabelfigur. Von Gestalt nicht Kind nicht Mann, irrlichtert er zwischen guten und bösen Mächten. Etymologisch ist er eher einem gespenstischen Trugwesen verwandt. So bleibt seine Herkunft dunkel.

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Kommentare

Hallo und guten Tag!

Zunächst möchte ich sagen, dass die Art und Weise, wie Ihr Artikel geschrieben ist mir sehr gut gefällt, da er für mein Empfinden präzise, logisch, leicht verständlich und ohne Umschweife zur Sache führt.

Es hat mir viel Spass gemacht Ihren Artikel zu lesen, denn nachdem ich einige Sätze gelesen hatte, musste ich unbedingt zu Ende lesen, weil mir der Schreibstil so gut gefallen hat.

Bitte sehen Sie einem sprachlichen Laien diese Ausdrucksweise nach, aber ich kann nur mit meinen Worten beschreiben, was ich sehe oder empfinde.

Ich bin zufällig auf Ihren Artikel gestoßen, weil ich mich im Internet informieren wollte, ob die Beschreibung eines Weines tatsächlich widersprüchlich ist oder ob bei mir eine falsche Vorstellung bezüglich der Begriffsdefinitionen vorliegt.
Bei der Suche stieß ich auf das Wort frugal, was mir bisher nicht bekannt war. Deshalb musste ich unbedingt wissen, was es bedeutet. So kam ich dann zu Ihrem Artikel.

Die Weinbeschreibung enthielt folgende Aussage:
“opulent, trotzdem elegant und voller Finesse”

Ich hielt bzw. halte diese Bezeichnung für widerspüchlich, da ich mit opulent in erster Linie üppig, reichlich, massig und füllig assoziiere, was der Sache sicherlich nicht gerecht wird.

Da das Wort “opulent” mehere Bedeutungen hat und etwa 95 Synonyme haben soll, würde mich letztlich sehr interessieren, ob die oben zitierte Weinbeschreibung auch als “nicht widersprüchlich” angesehen werden kann.
Denkbar ist ja auch, dass nur ich darin einen gewissen Widerspruch sehe, der objektiv gar nicht gegeben ist.

Es wäre sehr nett, wenn Sie Zeit und Lust hätten mir hierzu etwas mitzuteilen, damit ich diesen Sachverhalt künftig richtig einordnen und mögliche Fehler in meinem Gedächtnis beseitigen kann.

Ich bedanke mich im voraus recht herzlich und wünsche Ihnen eine angenehme und schöne Zeit in Gesundheit und Zufriedenheit.

Mit freundlichen Grüssen

Harald Kettern

Um Ihre Frage zu beantworten, schicke ich voraus, dass die Charakterisierung von Wein eine schwer in Worte zu fassende Palette von sinnlich erfahrenen Eigenschaften des Produkts beinhaltet.

Darin liegt die Gefahr der Übertreibung, der Andichtung und Beschönigung. Da wird schon mal in blumiger Sprache mehr versprochen, als Nase, Augen und Gaumen wahrnehmen. Der Text soll den Wein kostbar erscheinen lassen und dem Käufer einen Nimbus von Kennerschaft geben.

Aber es ist nicht zu leugnen, dass ein guter Wein auch viele Geschmacks-, Duft- und Nachklangnuancen hat, die in Worten auszudrücken einer gewissen poetischen Fähigkeit bedarf. Hinzu kommen Farbe, Präsentation, das richtige Glas und die optimale Temperatur, die den Genuss zum Erlebnis machen.

Nicht umsonst gibt es ein eigenes Glossar, ein Verzeichnis, um sich über die Qualität eines Weines zu verständigen und sie zu bewerten.

Meine bescheidene Kennerschaft sagt mir, dass ein guter Wein nuancenreich zu sein hat, der Zunge und dem Gaumen eine gewisse Differenzierungsfähigkeit abverlangt. Deshalb schluckt man ihn ja auch nicht einfach hinunter, sondern lässt ihn sich im Mund entfalten, nachdem man zuvor seinen Duft aufgenommen hat und bevor man seinem “Abgang” nachspürt.

Die Differenzierung und die Nuancen machen also die Besonderheiten aus, die sich aus Lage und Boden, den Klimabedingungen und der Traubensorte herleiten. Schließlich hat der Winzer die Aufgabe, den Wein auszubauen, um das Beste zur Geltung zu bringen.

Ihre Frage bezog sich auf die folgende Aussage: “opulent, trotzdem elegant und voller Finesse”.

Hier wird darauf angespielt, dass der Wein nuancenreich ist. Opulent, also üppig und reichhaltig einerseits, und elegant und finessenreich, also feinsinnig und erlesen andererseits, scheinen zunächst widersprüchlich.

- Das Adjektiv opulent, lateinisch opulens, üppig, reich, reichhaltig, leitet sich ab aus lateinisch opulentia, Reichtum, Macht. Das Gegenteil dazu ist übrigens lateinisch frugalis, frugal, rechtschaffen, sparsam.
- Lateinisch elegans, französisch élégant heißt auserlesen, ausgesucht, fein, zierlich, geschmackvoll.
- Finesse ist französisch und heißt Feinheit, ja, sogar Kniff, “das besondere Etwas”.

Es soll aber in diesen Formulierungen darauf hingewiesen werden, dass die Opulenz, die bildhafte Üppigkeit, die man einem “körperreichen” Wein bescheinigt, aus Reife entstanden ist, die sich dem vollen Ausbau verdankt. Ich stelle mir vor, dass nur voll gereifte Trauben mit bestem Aroma sich zu einem Wein keltern lassen, der Alkohol für Haltbarkeit und die “Flüchtigkeit” des Dufts entwickelt und die charakteristischen feinen und besonderen Geschmacksstoffe aus Frucht und Boden bewahrt.

Gunhild Simon
www.blog1.institut1.de

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