5.01.2009

Dativ oder Genitiv - Warum heißt es “meiner Meinung nach” aber “meines Erachtens”?

verschlungene Wege

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Foto: GabiB.
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Der präpositionale Ausdruck mit eiligen Schritten hat eine sinngleiche Entsprechung im Genitiv: eiligen Schrittes. In dem Satz - Mit eiligen Schritten - oder - Eiligen Schrittes verließ er das Haus - ist dieser jeweils ein modales Adverbiale. Es gehört zu dem Verb gehen.

Denn die Frage lautet: Wie geht er? eiligen, gemessenen, schnellen, trippelnden, unsicheren Schrittes.

Würde man jedoch bei großen oder kleinen Schritten anders entscheiden - mit großen, kleinen, langen, kurzen Schritten gehen? Offenbar befinden wir uns hier in einem Bereich des Sprachempfindens, sogar des Idiomatischen.

Genitivische Ausdrücke, wie etwa leichten oder schweren Herzens, guten oder schweren oder leichten Mutes oder guter oder schlechter Laune, hoher oder niederer Gesinnung sein oder etwas tun - lassen sich nicht in eine Regel kleiden, denn andere Gefühlsbewegungen passen sich dem Genitiv nicht an: man ist von großer Traurigkeit, Erregung oder Freude, wie man etwas mit großer Freude oder Trauer tut.

Der präpositionale Dativ ist wohl die üblichere Formulierung. Im gestreckten Galopp, in/mit gemessenem Tempo, auf unhörbaren Sohlen, auf leisen Schwingen, mit taumelndem Gang, mit fliegenden Fingern, mit zitternden Händen mit großer Erleichterung, Enttäuschung, Erregung.

Genitive, die ein Urteil ausdrücken, stehen in der Regel mit substantivierten Verben: meines Ermessens, meines Wissens, meines Erachtens, meines Dafürhaltens, meines Empfindens. Diese sind aber begrenzt, jedenfalls nicht beliebig ausweitbar: *meines Einschätzens, meines Bewertens, meines Wahrnehmens, meines Meinens - das wäre in analoger Vorstellung grammatisch vertretbar, ist aber ungebräuchlich, also klingt es für Muttersprachler falsch.

Der Dativ steht ebenso bei Ausdrücken, die ein persönliches Urteil beschreiben. Funktionssubstantive, die aus Verbstämmen und der substantivischen Endsilbe -ung gebildet sind, werden grundsätzlich mit der Präposition nach, seltener auch mit gemäß, zufolge, dank versehen. Diese haben immer ein feminines Geschlecht, da ist der Dativ formgleich mit dem Genitiv. Dadurch ist der Kasus nicht auf Anhieb deutlich.

Ersetzt man die Feminina jedoch durch maskuline Substantive, wird dieser Umstand offenkundig:

meiner Einschätzung, Bewertung, Erfahrung, Meinung, Würdigung, Erscheinung, Wahrnehmung, Empfindung nach, nach meinem Verständnis, nach meiner Erkenntnis, Vorstellung, Beurteilung, dieser Maßgabe, Vorgabe, allem Anschein nach, dem Grunde nach, aller Voraussicht nach, meinem Empfinden, Dafürhalten nach.

Daraus lässt sich zweierlei ersehen: Der Genitiv überwiegt bei den substantivierten Verben - Ausnahme: allen Anscheins neben allem Anschein nach. Und man kann feststellen, dass Funktionssubstantive grundsätzlich den Dativ nach sich ziehen.

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Kommentare

Hallo Gunhild.
Hab gerade etwas in deinen Seiten hier rumgescjnüffelt.
Was meinst du mit:
“perfektive Verben im Präsens mit Zukunftsbezug”?
Würde mich über ein paar Beispiele freuen.
Gutes Neues Jahr.
Egon.

“perfektive Verben im Präsens mit Zukunftsbezug”?

Aus dem Satz werde ich nicht wirkjlich schlau

Diese Kommentare beziehen sich auf den vorhergehenden Artikel, der sich mit der deutschen Entsprechung der Verlaufsform beschäftigt. Folglich bezieht sich auch meine Stellungnahme auf jenen Artikel:

Man kann zwischen zwei Verbgruppen unterscheiden, die unterschiedliche Zeitaspekte haben. Bezeichnen wir sie als durative und perfektive Verben!

Ein duratives Verb - lateinisch durare heißt dauern - hat den Aspekt der Dauer und setzt sich bei der konkreten Betrachtung aus Einzelhandlungen zusammen, z. B. suchen, dem als perfektives Verb finden gegenübersteht. Ähnliche Wortpaare mit unterschiedlichen zeitlichen Akzenten sind denkbar bei fahren und austeigen, reisen und ankommen, stehen und stellen..

Eine besondere Stellung nehmen folgende - intransitive - Verben ein:

faulen - verfaulen
gehen - vergehen - entgehen - zergehen
sterben - versterben - ersterben
blühen - verblühen - erblühen
kommen - verkommen -entkommen
sinken - versinken

Stellt man diese Verbgruppen einander gegenüber, so wird in der zweiten Gruppe, der egressiven - von lateinisch egredi, hinausgehen, überschreiten - deutlich, dass sie sich bereits im Präsens - es verfault, vergeht, verstirbt, verblüht, verkommt, versinkt - auf ihren Endpunkt beziehen - es ist verfault, vergangen, verstorben, verblüht, verkommen versunken. Dieser Bezug findet sich auch in den perfektiven Verben wie oben genannt: DasFinden schließt bereits das Gefundenhaben ein. Das nenne ich den Zukunftsbezug, den das Präsens impliziert.

Dieser Endpunkt, das Perfekt, ist identisch mit dem Zustandspassiv.

Deshalb wird das Perfekt der egressiven Verben, der Verben der Zustandsänderung mit sein gebildet.

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