Zum Umgang mit den Beeinträchtigungen und Abnutzungen durch das Leben
von Gunhild Simon
Ein Lebensmotto lautet: Man kann nur eins von beiden - entweder alt werden oder jung sterben. Oder lapidar auf Englisch: You cannot have the cake and eat it. Ganz trivial: Jammern hilft nichts. Darin offenbart sich augenzwinkernd die ganze Crux der Begrenzung unseres Lebens. Warum also jammern, dass man alt wird und die Kräfte schwinden?
Wenn ein naher Mensch, ein nur zu stabiler, schwächelt, ist es ja vielleicht auch ein gutes Zeichen. Er gesteht sich wohl ein, dass etwas nicht richtig gelaufen ist auf seinem Lebensweg. Dass es gilt umzusteuern.
Aber wie soll das auch gehen? Richtig laufen? Geradlinig oder geradeaus ohne Blick nach rechts und links? Augen zu und durch? Rundlaufen wie ein ausgewuchtetes Rad oder wie ein Hamster im Rad? Es gibt der Bilder genug.
Jedem Menschen ist beides beschert, Leichtes und Schweres. Das ist lebensspezifisch und im Besonderen menschenlebenspezifisch. Es ist ein Faden, der sich auch durch Lyrik und Literatur zieht.**
Maß und Ausgleich zwischen den beiden Polen können sich unterscheiden, so dass es Glückskinder und Pechvögel gibt. Weit schlimmer ist es, wenn man unter dem materiellen oder politischen Joch, unter das man gleichsam gezwungen ist, ausweglos und chancenlos ist.
Niemand kann sich im Laufe seiner Entwicklung und Reifung einem Blick auf das Vergangene und das Zukünftige entziehen. Das ist einerseits das Erreichte, der Status Quo, die Bilanz. Das ist andererseits das Erwünschte, das Streben, das Ziel. Beides muss früher oder später jeder einmal kritisch unter die Lupe nehmen. Es fällt oft zusammen mit der Midlife-Crisis, dem Bewusstwerden, nicht mehr zur Generation des Aufbruchs zu gehören, sondern der Bewahrer, schließlich der Auseinandersetzung mit der Frage der zeitlich überschaubaren Zukunft.
Jetzt gilt es, die Spreu vom Weizen zu trennen, zu entscheiden, was einem wirklich wichtig ist im Leben. Worauf man verzichten kann. Wie man sich für den Weg, für den es keinen Schritt zurück gibt, wappnet. Wie sich dem Lebensabschnitt, der noch vor einem liegt, der unweigerlich ins Alter führt, stellt. Wie man den auf diesem Wegstück lauernden Gefahren trotzt: Eigenbrödlerei und Zynismus, Verdrängung und Selbsttäuschung, Hektik und Konsumrausch statt echter Werte wie Nähe und Kontakt und Verzicht auf Überflüssiges. Klarheit und Überschaubarkeit statt Üppigkeit und Ausufern. Statt Konkurrenz zu der nachwachsenden Generation Besinnung auf erworbenes und gehütetes Wissen, Ansätze von Lebens-Weisheit.
Damit ist eine Fülle von Eingeständnissen verbunden, die schmerzlich, , aber unumgehbar sind, wenn man nicht vereinsamt und verbittert seinen Lebensabend fristen will: als häßlicher, bärbeißiger, missgünstiger, kleinlicher, unzufriedener Greis.
Ein wirksames Gegenmittel ist Dankbarkeit, vielleicht auch der etwas altertümliche Begriff Demut. So etwas fand ich auch gestern in den Sätzen Claussens* wieder. Ob man dieses Gefühl mit Gott verbindet, der einem unverdientes Glück geschenkt hat, oder mit einem gütigen Schicksal, das ist zweitrangig. Man kann niemandem vorschreiben zu glauben. Aber man kann sich bewusst machen, dass das Leben nicht selbstverständlich, nicht erzwingbar, nicht käuflich ist, nicht aus seinen Grenzen zu entbinden ist. Deshalb sind dies Kostbarkeiten: die Abwesenheit von Leiden und die Anwesenheit von Freuden und Genuss, Schönheit, Gesundheit, Beweglichkeit, Liebe, Freundschaft und der Gnaden, Beglückungen und Annehmlichkeiten mehr. Wichtig ist, dass man diese Impulse zulässt, hervordringen und wachsen lässt, damit sie erfüllen können.
*http://www.br-online.de/alpha/forum/vor0706/20070611_i.shtml
** Anhang: Beispiele aus der Lyrik:
Gebet
Herr! schicke, was du willt,
Ein Liebes oder Leides;
Ich bin vergnügt, daß beides
Aus Deinen Händen quillt.
Wollest mit Freuden
Und wollest mit Leiden
Mich nicht überschütten!
Doch in der Mitten
Liegt holdes Bescheiden.
Eduard Mörike
Hälfte des Lebens
Mit gelben Birnen hänget
und voll mit wilden Rosen
das Land in den See,
ihr holden Schwäne,
und trunken von Küssen
tunkt ihr das Haupt
in’s heilig-nüchterne Wasser.
Weh mir! Wo nehm ich, wenn
es Winter ist, die Blumen, und wo
den Sonnenschein
und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
sprachlos und kalt, im Winde
klirren die Fahnen.
Friedrich Hölderlin



