12.01.2008

Statt-Ansichten. Betrachtungen zu vorhersehbaren Weggabelungen

Zum Umgang mit den Beeinträchtigungen und Abnutzungen durch das Leben

von Gunhild Simon

Ein Lebensmotto lautet: Man kann nur eins von beiden - entweder alt werden oder jung sterben. Oder lapidar auf Englisch: You cannot have the cake and eat it. Ganz trivial: Jammern hilft nichts. Darin offenbart sich augenzwinkernd die ganze Crux der Begrenzung unseres Lebens. Warum also jammern, dass man alt wird und die Kräfte schwinden?

Wenn ein naher Mensch, ein nur zu stabiler, schwächelt, ist es ja vielleicht auch ein gutes Zeichen. Er gesteht sich wohl ein, dass etwas nicht richtig gelaufen ist auf seinem Lebensweg. Dass es gilt umzusteuern.

Aber wie soll das auch gehen? Richtig laufen? Geradlinig oder geradeaus ohne Blick nach rechts und links? Augen zu und durch? Rundlaufen wie ein ausgewuchtetes Rad oder wie ein Hamster im Rad? Es gibt der Bilder genug.

Jedem Menschen ist beides beschert, Leichtes und Schweres. Das ist lebensspezifisch und im Besonderen menschenlebenspezifisch. Es ist ein Faden, der sich auch durch Lyrik und Literatur zieht.**

Maß und Ausgleich zwischen den beiden Polen können sich unterscheiden, so dass es Glückskinder und Pechvögel gibt. Weit schlimmer ist es, wenn man unter dem materiellen oder politischen Joch, unter das man gleichsam gezwungen ist, ausweglos und chancenlos ist.

Niemand kann sich im Laufe seiner Entwicklung und Reifung einem Blick auf das Vergangene und das Zukünftige entziehen. Das ist einerseits das Erreichte, der Status Quo, die Bilanz. Das ist andererseits das Erwünschte, das Streben, das Ziel. Beides muss früher oder später jeder einmal kritisch unter die Lupe nehmen. Es fällt oft zusammen mit der Midlife-Crisis, dem Bewusstwerden, nicht mehr zur Generation des Aufbruchs zu gehören, sondern der Bewahrer, schließlich der Auseinandersetzung mit der Frage der zeitlich überschaubaren Zukunft.

Jetzt gilt es, die Spreu vom Weizen zu trennen, zu entscheiden, was einem wirklich wichtig ist im Leben. Worauf man verzichten kann. Wie man sich für den Weg, für den es keinen Schritt zurück gibt, wappnet. Wie sich dem Lebensabschnitt, der noch vor einem liegt, der unweigerlich ins Alter führt, stellt. Wie man den auf diesem Wegstück lauernden Gefahren trotzt: Eigenbrödlerei und Zynismus, Verdrängung und Selbsttäuschung, Hektik und Konsumrausch statt echter Werte wie Nähe und Kontakt und Verzicht auf Überflüssiges. Klarheit und Überschaubarkeit statt Üppigkeit und Ausufern. Statt Konkurrenz zu der nachwachsenden Generation Besinnung auf erworbenes und gehütetes Wissen, Ansätze von Lebens-Weisheit.

Damit ist eine Fülle von Eingeständnissen verbunden, die schmerzlich, , aber unumgehbar sind, wenn man nicht vereinsamt und verbittert seinen Lebensabend fristen will: als häßlicher, bärbeißiger, missgünstiger, kleinlicher, unzufriedener Greis.

Ein wirksames Gegenmittel ist Dankbarkeit, vielleicht auch der etwas altertümliche Begriff Demut. So etwas fand ich auch gestern in den Sätzen Claussens* wieder. Ob man dieses Gefühl mit Gott verbindet, der einem unverdientes Glück geschenkt hat, oder mit einem gütigen Schicksal, das ist zweitrangig. Man kann niemandem vorschreiben zu glauben. Aber man kann sich bewusst machen, dass das Leben nicht selbstverständlich, nicht erzwingbar, nicht käuflich ist, nicht aus seinen Grenzen zu entbinden ist. Deshalb sind dies Kostbarkeiten: die Abwesenheit von Leiden und die Anwesenheit von Freuden und Genuss, Schönheit, Gesundheit, Beweglichkeit, Liebe, Freundschaft und der Gnaden, Beglückungen und Annehmlichkeiten mehr. Wichtig ist, dass man diese Impulse zulässt, hervordringen und wachsen lässt, damit sie erfüllen können.

*http://www.br-online.de/alpha/forum/vor0706/20070611_i.shtml

** Anhang: Beispiele aus der Lyrik:

Gebet

Herr! schicke, was du willt,
Ein Liebes oder Leides;
Ich bin vergnügt, daß beides
Aus Deinen Händen quillt.

Wollest mit Freuden
Und wollest mit Leiden
Mich nicht überschütten!
Doch in der Mitten
Liegt holdes Bescheiden.

Eduard Mörike

Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget
und voll mit wilden Rosen
das Land in den See,
ihr holden Schwäne,
und trunken von Küssen
tunkt ihr das Haupt
in’s heilig-nüchterne Wasser.

Weh mir! Wo nehm ich, wenn
es Winter ist, die Blumen, und wo
den Sonnenschein
und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
sprachlos und kalt, im Winde
klirren die Fahnen.

Friedrich Hölderlin

Kommentare

Ich kann dem Text voll und ganz zustimmen. Da gibt es eigentlich nichts mehr zu ergänzen . . doch, da fällt mir Antoine de Saint-Exupéry ein, Die Kunst der kleinen Schritte, besonders der Teil, der beginnt: Bewahre mich vor dem naiven Glauben usw. Hier das ganze Text:

Ich bitte nicht um Wunder und Visionen,
Herr, sondern um die Kraft für den Alltag.
Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte.

Mach mich findig und erfinderisch,
um im täglichen Vielerlei und Allerlei
rechtzeitig meine Erfahrungen zu notieren,
von denen ich betroffen bin.

Mach mich griffsicher in der richtigen Zeiteinteilung.
Schenke mir das Fingerspitzengefühl,
um herauszufinden,
was erstrangig und was zweitrangig ist.

Ich bitte Kraft für Zucht und Mass,
dass ich nicht durch das Leben rutsche,
sondern den Tagesablauf vernünftig einteile,
auf Lichtblicke und Höhepunkte achte
und wenigstens hin und wieder Zeit finde
für einen kulturellen Genuss.

Lass mich erkennen,
dass Träume nicht weiterhelfen,
weder über die Vergangenheit noch über die Zukunft.
Hilf mir, das Nächste so gut wie möglich zu tun
und die jetzige Stunde als die wichtigste zu erkennen.

Bewahre mich vor dem naiven Glauben,
es müsste im Leben alles glatt gehen.
Schenke mir die nüchterne Erkenntnis,
dass Schwierigkeiten, Niederlagen, Misserfolge, Rückschläge
eine selbstverständliche Zugabe des Lebens sind,
durch die wir wachsen und reifen.
Erinnere mich daran,
dass das Herz oft gegen den Verstand streikt.
Schick mir im rechten Augenblick jemand,
der den Mut hat,
mir die Wahrheit in Liebe zu sagen.
Ich möchte dich und die anderen
immer aussprechen lassen.
Die Wahrheit sagt man nicht sich selbst,
sie wird einem gesagt.

Du weisst, wie sehr wir der Freundschaft bedürfen.
Gib, dass ich diesem, schönsten, schwierigsten,
riskantesten und zartesten Geschäft des Lebens gewachsen bin.
Verleihe mir die nötige Phantasie,
im rechten Augenblick ein Päckchen Güte,
mit oder ohne Worte,
an der richtigen Stelle auszugeben.

Mach aus mir einen Menschen
der einem Schiff mit Tiefgang gleicht,
um auch die zu erreichen, die unten sind.

Bewahre mich vor der Angst,
ich könnte das Leben versäumen.
Gib mir nicht, was ich mir wünsche,
sondern was ich brauche.
Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte.

Die midlife-crisis ist vor allem deswegen bedeutsam, weil da den meisten Menschen bewusst wird, dass sie nicht unsterblich sind, sondern auch das eigene Leben begrenzt ist.

Die Folge ist, wenn man das zulässt (und nicht verdrängt),dass man über die eigenen Werte und Ziele neu nachdenkt.

Was ich als damals 30jähriger (ich bin jetzt 59)gerne alles vor meiner Midlife-crisis gewusst hätte, können Sie in meinem Blog nachlesen: http://tinyurl.com/2ozoql

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