19.05.2008

Phrase und Euphemismus - Phrasendreschen, Wortgeklingel, tönerne Glocken

Säulengang

Säulengang

Foto: berwis
© berwis / PIXELIO

Einige Wortverbindungen aus spezifischen Zusammenhängen, die den Sinn einer ebenso spezifischen Aussage hatten, haben sich als neue, aber eben ungerechtfertigt verschnörkelte Wörter etabliert. Sie als hohle Aufblähungen zu überführen dient der eigenen Souveränität und der Abwehr fremder Manipulation.

Typische Beispiele:

Es bestand eine hohe Erwartungshaltung.” statt “Die Erwartungen waren hoch.”

Streicheleinheiten statt “Streicheln” oder “Zärtlichkeit”,

Trauerarbeit statt “Trauer”.

Erfolgserlebnis statt “Erfolg”

hat Alibifunktion statt “ist Alibi”

Wunschvorstellung statt “Wunsch”

Zielvorstellung oder Zielsetzung statt “Ziel”

Freistoßsituation statt “Freistoß”

Aufgabenstellung statt “Aufgabe”

Bekanntheitsgrad statt “Bekanntheit”

Wird man damit konfrontiert, ist man zunächst von Ehrfurcht ergriffen für die rhetorischen Qualitäten, die Sprachkompetenz des anderen. Schließlich ist man verstimmt, sobald man den wahren Sachverhalt durchschaut.

Hohle Phrasen haben einen Doppelsinn - Phrasensensible oder -resistente vermeiden an dieser Stelle schon das Wort Doppelfunktion: Einerseits sollen Phrasen Gehalt vortäuschen, wo keiner ist, andererseits sollen sie einschüchtern, es soll Fachwissen vorgetäuscht und lästiges Nachfragen vermieden werden.

Es gibt Indikatoren, die in der Rede des Gegenübers auf Aufgeblähtheit hinweisen, und deren Liste man gebotsweise selbst verinnerlichen kann, um der Versuchung zu widerstehen, sie zum “Tunen”, zur Beschönigung, einfacher Aussagen zu missbrauchen.

Besondere Aufmerksamkeit sollte der inflationären Verwendung von Verlängerungen gelten: -funktion, -situation, -strategie, -perspektive, -bedarf, -bereich, -center, -zone. Ein ähnlicher Effekt entsteht durch Endungen wie -ung und -tion, weil die ursprünglich konkrete Kraft durch die Verbindung mit einem Abstraktum schwindet. Das geschieht oft wahllos, anstatt zur Betonung eines bestimmten Aspekts. Schwer verdaulich sind deshalb solche Zusammensetzungen, Komposita, die vom Nominalstil herrühren. Sie wirken statisch, blutleer und bürokratisch. Man sollte prüfen, ob sie tatsächlich die Aussage präzisieren oder nur schönen.

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Kommentare

Phrase hat nach meinem Verständnis zwei Bedeutungen im Deutschen: Redewendung und eben bloße Redensart. So ist denn auch der Phraseur ein Schwätzer, der Parleur hingegen jemand, der Freude am Reden hat, es ganz gut versteht, manchmal dabei übertreibt.

Auf die Gefahr hin, mir Ihren Unmut zuzuziehen, werte Frau Simon, die Verwendung der Begriffe Erwartungshaltung, Erfolgserlebnis und Freistoßsituation kann im Einzelfall geboten sein. Die Mannschaft X bekommt einen Freistoß zugesprochen, daraus ergibt sich dann eine bestimmte Freistoßsituation; im Mittelfeld, direkt an der Strafraumgrenze, von der Eckfahne aus? Hier sind der Möglichkeiten viele, aber Freistoß ist nicht gleichbedeutend mit Freistoßsituation.

Armutszeugnis für neoliberale Politik - Webhinweise:
Phrase und Euphemismus - Phrasendreschen, Wortgeklingel, tönerne Glocken
http://www.plantor.de/?p=10

Bei Kultur- und Sozialanthropologie habe ich das gefunden:

Ein Euphemismus ist “an expression intended by the speaker to be less offensive, disturbing, or troubling to the listener than the word or phrase it replaces.” (Wikipedia, Stichwort “Euphemism”).
http://www.univie.ac.at/

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