2.08.2008

Mutterseelenallein

Gefrorene Landschaft

Gefrorene Landschaft

Foto: Maren Beßler
© Maren Beßler / PIXELIO

Eine Verstärkung von »allein«, die der Rede Farbe gibt, lautet »mutterseelenallein«.

Warum sollte man diesem so leicht zugänglichen, verständlichen Wort nachgehen – erklärt es sich nicht selbst?

Es drückt auf einer unmittelbaren Ebene die Empfindung äußerster Verlassenheit aus, wie man sie kleinen Kindern zuschreibt, die von ihrer Mutter im Stich gelassen wurden.

Der Hintergrund dieses Wortes hat aber eine noch andere Nuance. Spricht man von »Menschenkindern«, betrachtet man sie in ihrem Verhältnis zu Gott, als Kinder Gottes.

Waltraud Legros

»Am Anfang war da das französische moi tout seul – ich ganz allein. Dieses moi tout seul ergab in der phonetischen Eindeutschung zunächst mutterseel. Ein schönes Wort zwar, aber der Sinn war weg. Man fügte also den Sinn hinzu, allein, und schuf das schöne deutsche mutterseelenallein.«
Was die Wörter erzählen

Einwohner einer Gemeinde, eines Dorfes, Ortes, Kirchspiels, werden auch heute noch in Seelen gezählt. Dies wirkt heute wie ein Relikt barocker Wahrnehmung des menschlichen Wesens in seiner existentiellen Hinfälligkeit und Äußerlichkeit. Man verstand das diesseitige, das irdische Leben ja eher als Durchgangsstadium zu einem ewigen, jenseitigen Sein. Daraus leitet sich das Selbstverständnis als Erdenbürger, als Gast auf Zeit, als Glied eines Ganzen, der Gemeinde also, ab. Aus dieser Transzendenz erklärt sich auch die frühere Rolle der Kirche und die Doppelbedeuung der Bezeichnung Gemeinde und ihrer Seelenzahl in diesem Zusammenhang.

Beschreibt man eine Situation, wo »keine Menschenseele« ist, heißt dies, dass man ganz allein, ganz auf sich gestellt ist. Mutterseele hatte früher zunächst nur die Bedeutung Mensch. Dieser Begriff ist verschwunden. Übriggeblieben ist mutterseelenallein. Es bedeutet also eigentlich »in seiner menschlichen Existenz allein« oder auch »menschenallein«.

Das Wort »mutterseelenallein« in der deutschen Literatur

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Verfasser Titel Auszug
Josef Freiherr von Eichendorff Aus dem Leben eines Taugenichts (1), 1826 Da stand ich nun unter Gottes freiem Himmel wieder auf dem stillen Platze mutterseelenallein, wie ich gestern angekommen war.
Ludwig Aurbacher Abenteuer der sieben Schwaben und des Spiegelschwaben, 1827–1829 An der Spitze aber marschierten wir, die Schwaben, sieben Mann hoch. Und wir stießen auf den Feind unweit Überlingen am Bodensee. Aber, sieh da! wie wir nun anrückten, wir Schwaben, in voller Hitze, immer vorwärts; da liefen indeß die übrigen alle davon, die Franken voran, drauf die andern, und die Österreicher deckten den Rückzug; und wir, die Sieben, sind mutterseelenallein zurückgeblieben und haben das Abenteuer bestanden, zum ewigen Ruhm der Schwaben.
Annette von Droste-Hülshoff Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking, 1843 Und jeden Nachmittag geh ich meine alten Wege am Seeufer, zwar mutterseelenallein, aber doch vergnügt, weil mich nichts stört, nicht mal ein neuer Rebpfahl.
Willibald Alexis Die Hosen des Herrn von Bredow (Sechstes Kapitel, Der späte Gast), 1846 »Gottes Wunder, Herr von Lindenberg, wie kommen wir zu der Ehre?«
»Alle Heiligen mit Euch, liebe Base, das weiß ich selbst nicht.«
»Und ganz allein?«
»Mutterseelenallein. Wenn der Teufel die andern nicht holt, so tut’s der Sturm und das Wetter.«
Gutenberg-DE

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Kommentare

Hallo Gunhild

Interessant die Bemerkung …

“Der Begriff kommt von den Hugenotten. Ein Teil kam vor langer Zeit nach Brandenburg. Sie sagten, dass sie allein waren und sagten: “Moi tout seul allein” - ein Mix aus Deutsch und Französisch.”

Darin spiegelt sich auch das Schicksal der Refugees aus den hugenottischen und waldensischen Gebieten - vertrieben, verfolgt, gedemütigt - allein auf der Welt, ohne Fürsprecher, ohne Familie. Was das bedeutet, kann man zum Beispiel im Buch “Dreihundert Jahre Waldenser in Deutschland” hrg. von Albert de Lange, Karlsruhe 1998 nachlesen.

Aber vielleicht muss man gar nicht in der geschichte zurückgehen - es gibt auch bei uns genug Flüchtlinge und Entwurzelte und Entrechtete.

Gruß Karlo

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