7.02.2008

Fastenzeit

Kündigt sich nicht allenthalben der Frühling an? Die Schneeglöckchen blühen, und mancherorts der Krokus. Auch die Narzissen, die eigentlich Osterglocken heißen, haben Knospen. Dabei dauert es noch sieben Wochen bis Ostern. Das weiß ich so genau, weil gestern mit dem Aschermittwoch die Fastenzeit, die siebenwöchige Passionszeit, begonnen hat.

In der Passionszeit finden in den Kirchen mittwochsabends Passionsandachten statt. Ich habe diese Andacht gestern wahrgenommen. Da zeigte sich die Kirche von einer anderen, intimeren Seite. Die Menschen saßen im Altarraum im Halbkreis auf Stühlen zusammen, statt vereinzelt in den Weiten des Kirchenschiffs verstreut. Da war zunächst eine Schwelle zu überwinden, indem eine unausweichliche Nachbarschaft einzugehen war.

Nicht nur beim Singen erwies sich diese Nähe zueinander als glückliche Fügung. Ich hatte nämlich versäumt, ein Gesangbuch mitzubringen und wurde dessen meines Nachbarn ganz selbstverständlich teilhaftig. Das verband mich etwas distanzierten Menschen spontan mit ihm, so dass gelegentlich ein Zeichen des Einverständnisses ausgetauscht wurde. Und ein persönlicher Abschied.

Als ich Kind war, kamen die Kinder am Aschermittwoch mit einem Aschenkreuz auf der Stirn zum Unterricht. Als ich vor einigen Jahren durch New York spazierte, wurde ich daran erinnert, weil in der Nähe einer katholischen Kirche so viele Erwachsene ein Aschenkreuz trugen: Es war der fast in Vergessenheit geratene Aschermittwoch.

In der evangelischen Kirche ist die Passionszeit Anlass für eine Bewegung, eine freiwillige Aktion, die sich “Sieben Wochen ohne” nennt. Ich persönlich übe mich lieber darin, insgesamt maßzuhalten. Es dient auch dem Selbstwertgefühl, der Linie und dem Schlaf, weil gutes Essen und Alkohol in der Zeit der Entspannung, dem Abend, den Körper belasten.

Manche Menschen fasten in dieser Zeit tatsächlich, oder verzichten zumindest auf bestimmten individuellen Luxus wie Fleisch, Süßigkeiten oder Alkohol. Katholiken, jedenfalls die, die ich in der katholischen Umgebung meiner Kindheit erlebt habe, mussten die Fastenzeit über auf Fleisch und - die Kinder besonders - auf Süßes verzichten.

Insgesamt war die Küche damals bewusst schlicht. Aber das war sie in den fünfziger Jahren ohnehin im Vergleich zu heute, weil die Produkte jahreszeitlich begrenzt waren, was ja auch sein Gutes hatte. Um diese Zeit gab es also nur Gemüse, das dem Frost standhielt, Winterkohl wie Grünkohl, Rosenkohl, Wirsing, Weiß- und Rotkohl, und solches, das man einmieten konnte wie Rote Rüben, Steckrüben, Karotten, Schwarzwurzeln, Kartoffeln. Außerdem allerlei aus Getreideprodukten. Daher rühren die vielen wunderbaren Mehlspeisen, Klöße und Aufläufe und auch die verhassten trüben Suppen wie Graupensuppe und Brotsuppe mit Backpflaumen. Es gab auch Eingemachtes, Marmelade, Gemüse und Kompott, und Dörrobst aus Äpfeln, Birnen und Pflaumen. Ich kann mich daran erinnern, dass man auch Pilze auf langen Schnüren zum Trocknen aufgezogen hat. Das einzige Obst waren eingekellerte Äpfel, die im ausgehenden Winter schon schrumpelig waren, und Nüsse, Haselnüsse und Walnüsse. Walnüsse haben weder etwas mit dem Wal, dem riesigen Meeressäuger, noch mit Wall, einer Aufschüttung, zu tun. Wal bedeutet hier eigentlich welsch, französisch. Die Walnuss ist also die französische Nuss, die Nuss, deren Herkunft aus Frankreich ist.

Bald nach dem Krieg setzte ein gewisses Nachholbedürfnis ein. Das ging mit dem “Wirtschaftswunder” einher, ein ungeheurer Aufschwung zu Beginn der sechziger Jahre, der die Entbehrungen des Krieges in Vergessenheit geraten ließ. Diesen beginnenden Luxus, den ich in meiner Kindheit spürte, verbinde ich mit der Milchbar. Die, an welche ich mich hier erinnere, lag gegenüber dem Stadttheater in der ersten Etage eines Geschäftshauses am Nicolaiort in Osnabrück. Von da aus überblickte man die damals zentrale Stadtkreuzung, wo Hasestraße, Große Staße und Krahnstraße aufeinandertreffen. Der Verkehr war noch moderat, die Straßenbahn bestimmte das Bild. Die Einrichtung der Milchbar war ähnlich chromblitzend, plastikgepolstert und kühl wie eine italienische Eisdiele. Ich fand sie paradiesisch. Da gab es Fruchtmilchshakes und Obstsalat. Diese Milchskakes - Bananen- Erdbeer- oder Mandelmilch waren meine Favoriten - hatten den köstlichen Geschmack, den aufgeschäumte Mich entwickelt. Milchschaum, das weiß man ja spätestens seit der Latte-Macchiato-Welle, schmeckt gaumenschmeichelnder als Milch im ungeschäumten Zustand.

Kommentare

Oh ja, der Frühling kommt.
Ich war gerade an der Alster laufen: Jogger, Hunde und grüner werdende Bäume.
Ich habe diese ersten Sonnenstrahlen des Tages in mein Herz gelassen - wie gut es tut.
Vor allem nach dieser langen, endlos scheinenden Winterzeit, die mehr als nur dunkel und ungemütlich war.
Die Winterzeit hat etwas Quälendes an sich, das ich nicht gut vertrage, ich als Sommerkind.
Als Löwe ist die Sonne mein Planet.
Ich bin dankbar für jeden Sonnenstrahl, der mein Gesicht berührt.

Mit diesen Worten möchte der Frühling beginnen…

Hinterlasse einen Kommentar

Dein Kommentar:

Kategorien