17.11.2008

Erbarmen und Barmherzigkeit

Not

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Foto: Thomas Max Müller
© Multipla / PIXELIO

Ein zentraler Bestandteil der Liturgie ist das Kyrie eleison. Das ist griechisch und heißt “Herr, erbarme dich.” Erbarmen bedeutet Mitleid haben. Es kommt nur als eine reflexive Variante vor, sich erbarmen. Das einfache Verb barmen gibt es noch regional als altertümlich anmutendes Wort im norddeutschen Sprachraum. Es bedeutet jammern, wehklagen. Eine alte unpersönliche Form von jammern, wie man es aus dem Märchen kennt, lautet: etwas jammert einen, “das arme Kind jammert mich”. In dieser Form bedeutet jammern Mitleid erregen, ähnlich wie sich erbarmen.

Die Geschichte des Wortes erbarmen ist geprägt durch die Kirchensprache. Mittelhochdeutsch hieß dies [er]barmen, althochdeutsch [ir]barmen. Es war ursprünglich eine Lehnübersetzung von lateinisch misereri, Mitleid mit Elenden, Armen haben, abgeleitet aus miser, elend - miserabel, bemitleidenswert. Das Wort arm erscheint formal in barmen und erbarmen.

Um es jedoch klar von dem althochdeutschen armen, arm sein, zu unterscheiden, erhielt es zusätzlich die lateinische Vorsilbe ab- mit der Bedeutung weg-. Damit sollte ausgedrückt werden “von Elend befreien”, althochdeutsch lautete dies dann ab-armen. Spezifisch deutsch ausgesprochen entfiel das /a/. In diesem Prozess entstand barmen, das nun seinerseits Platz für ein neues Präfix bot - erbarmen mit dem Adjektiv erbärmlich, bemitleidenswert, jämmerlich. Sich erbarmen regiert den Genitiv oder steht in älteren Texten mit den Präpostionen über[1] oder ob[2] .

Wie hinter erbarmen, Erbarmen, steckt auch hinter barmherzig, Barmherzigkeit, eine Lehnübersetzung aus der Kirchensprache: lateinisch misericors, mitleidig, also jemand, der ein Herz für Arme hat.

[1] vgl. “Nun lob, mein Seel, den Herren” 3.Strophe: “Wie sich ein Mann erbarmet ob seiner jungen Kindlein klein” (EKG Hamburg, Nr.283)
[2] vgl. “Herr, erbarm dich über uns.” aus dem Kyrie der Liturgie
oder “Vergisst etwa eine Frau ihren Säugling,
dass sie sich nicht erbarmt
über den Sohn ihres Leibes?” Jesaja 49,15

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Kommentare

Es gibt noch ein weiteres interessantes, weil etwas anders gebildetes Wort mit dieser Wurzel: den “Erbärmdechristus” oder auch das “Erbärmdebild”. Das ist ein anderes Wort für den “Schmerzensmann”, ein populäres Bildmotiv des späten Mittelalters. Das Wort ist selten, aber durchaus noch in Gebrauch.

Auch die Redensart “Es ist zum Gotterbarmen.” ist fast üblicher als das Wort selbst.

Hallo Gunhild

ich kenne auch die Redewendung “das Kind dauert mich” (im Sinne von “ich muss es bedauern”)

Kommt das nun von der griechische Vokabel “dero” ? Wenn ich recht erinnere, ist die Urbedeutung dieses Wortstammes “ziehen, strecken”. Darin verbirgt sich das umgangssprachliche “dergeln”, also etwas ziehend bearbeiten. Dann wäre also ein Kind, das einen “dauert” ein Wesen, das einen mit seiner “Erbärmlichkeit” bearbeitet, zum Helfen “zieht”, also bewegt. Dann wäre also die bemitleidenswerte Kreatur in Wahrheit ein “aktives” Geschöpf, wie man es ja aus dem mittelalterlichen Bettelwesen auch weiß. Diese konnten an den Kirchenpforten recht hartnäckig sein.

Gruß Karlo Scholz

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