2.07.2008

Ein Fremdwort macht stutzen: antichambrieren

Zimmer auf der Wartburg

Zimmer auf der Wartburg

Foto: Alexander Hauk
© promifotos.de / PIXELIO

Das Wort antichambrieren mit seinem französischen Habit wirkt etwas angestaubt, gleichwohl hat es einen unfeinen Beigeschmack und lässt an Klinkenputzen, Intriganz, Bestechung denken – kurz an allerlei unsaubere, heimliche Machenschaften.

Es bedeutete zunächst »im Vorzimmer warten«, jedoch hat sich die damit verbundene abwertende Bezeichnung »durch beharrliches, wiederholtes Vorsprechen etwas zu erreichen suchen« erhalten.

Zunächst löst die Vorsilbe Unbehagen aus: anti- bedeutet gegen. Daher verbindet sich damit die Assoziation von Widerstand. Doch für sich genommen ist anti- eher wertfrei, wie sich an einer Vielzahl von Fremdwörtern zeigt: Antinomie, Widerspruch, Antithese, Gegensatz, Antiseptikum, Wundinfektionshemmer. Anti- begegnet uns sowohl in negativer Besetzung wie Antichrist als ein Euphemismus für den Teufel, oder in positiver wie in Antibiotikum als ein Medikament gegen biologische Erreger, Bakterien, gleichermaßen in antifaschistisch wie in antisemitisch.

Im Falle von antichambrieren wird jedoch der Sinn in der Herkunft des Wortes nicht recht transparent. Da scheint eine missverständliche Verwechslung von ante, vor, und anti-, gegen, vorzuliegen. Und tatsächlich, der ursprüngliche Zusammenhang war ante camera – vor der Kammertür. Gemeint war vielleicht ursprünglich das Abfangen des – noch wehrlosen, verschlafenen und ungerichteten – Opfers, auf das Einfluss zu nehmen man sich anschickte.

Genaugenommen verhält es sich so: franz. antichambre, ital. anticamera, wie auch das antiquierte Fremdwort Antichambre, sie alle bezeichnen das Vorzimmer. Ursprünglich war es das Ankleidezimmer, das vor dem herrschaftlichen Schlafzimmer, der Kammer, gelegen war und zu dem nur der Kammerdiener Zugang hatte. Um bis dahin vorzudringen bedurfte es möglicherweise einer gehörigen Portion Durchsetzungsvermögen, Intriganz oder Bestechungsgeld.

Die in diesem Zusammenhang ungewöhnlich erscheinende Verwendung der Vorsilbe anti- begegnet uns auch in dem italienischen Antipasto, Vorspeise – wörtlich ante pasto, vor der eigentlichen Speise – und in dem Fremdwort antizipieren von lat. anticipare, vorwegnehmen und Antizipation, Vorwegnahme. Obgleich lautliche Gesetze für eine Umbildung von ante- zu anti- sprechen, setzte sich in den meisten lateinischen Zusammensetzungen jedoch ante- als Vorsilbe für die Bedeutung »vor-« durch.

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Kommentare

Sehr geehrte Frau Simon,

ich beziehe mich auf Ihre Illustration:

als Luther auf der Wartburg saß und die Bibel übersetzte (dafür ist sie ja ein nationales deutsches Kulturgut geworden), da gab es vor seiner Stube kein Vorzimmer zum “antichambrieren”, nur eine Treppe und einen schmalen Flur.
Erstens war er noch nicht so wichtig, zweitens war er nur einer Handvoll Eingeweihter (so eine Art Leibwächter im Auftrage Friedrich des Weisen) dort bekannt. Drittens hatte das “antichambrieren” als diplomatische und höfische Kommunikations- und Kulturform noch nicht seinen “Kairos” erlangt.
Überhaupt kann man auf der Wartburg den Geist der Unmittelbarkeit besichtigen. Die Bauform dieser Burg (jedenfalls die Teile aus dem ausgehenden Mittelalter) atmet noch funktionale Strenge, weniger filigranes Zeremoniell.

Trotzdem war ihm die “Vorzimmerdiplomatie” nicht unbekannt. Er hat sie zur Genüge auf dem Konzil zu Worms und später in seinem eigenen Pfarrhaus (was der ideelle Mittelpunkt des revolutionären Deutschlands war) kennengelernt.

Ihr Karl-Otto Scholz

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